Konzentration

Findet das Kind in seiner Umgebung den Gegenstand seines Interesses, dann ist es in der Lage, diesem seine ganze Aufmerksamkeit zu widmen und sich so vollständig darauf zu konzentrieren, dass es alles um sich herum vergisst. Es entsteht nach Maria Montessori das Phänomen der „Polarisation der Aufmerksamkeit“. Auffällig daran ist, dass das Kind am Ende seiner Tätigkeit nicht erschöpft ist, sondern gestärkt und entspannt wirkt.

Die Arbeit des Kindes scheint uns Erwachsenen häufig fremd und unsinnig, bedenkt man, dass ein Kind zum zehnten Mal den Tisch abwischt, obwohl er längst sauber ist. Für das Kind aber ist das Tun entscheidend, seine Konzentration lässt erst dann nach, wenn seine Arbeit zu einer inneren Harmonie geführt hat. Alle Prinzipien der Montessori – Pädagogik zielen darauf ab, dass sich dieses Phänomen einstellen kann. Erst der Einklang mit der Umwelt und Mitwelt ermöglicht dem Kind Konzentration, um seinen Selbstaufbau zu vollziehen und so ein verantwortliches Mitglied der Gesellschaft zu werden.

 

An dem folgenden Beispiel von Maria Montessori wird dies deutlich:

Die Wiederholung der Übung

„Die erste Erscheinung, die meine Aufmerksamkeit auf sich zog, zeigte sich bei einem etwa dreijährigen Mädchen, das damit beschäftigt war, die Serie unserer Holzzylinder in die entsprechenden Öffnungen zu stecken und wieder herauszunehmen. Diese Zylinder ähneln Flaschenkorken, nur haben sie genau abgestufte Größen, und jedem von ihnen entspricht eine passende Öffnung in einem Block. Ich erstaunte, als ich ein so kleines Kind eine Übung wieder und wieder mit tiefem Interesse wiederholen sah. Dabei war keinerlei Fortschritt in der Schnelligkeit und Genauigkeit der Ausführung feststellbar. Alles ging in einer Art unablässiger, gleichmäßiger Bewegung vor sich. Gewohnt, derlei Dinge zu beobachten, begann ich die Übung des kleinen Mädchens zu zählen. Auch wollte ich feststellen, bis zu welchem Punkt die eigentümliche Konzentration der Kleinen gehe, und ich ersuchte daher die Lehrerin, alle übrigen Kinder singen und herumlaufen zu lassen. Das geschah auch, ohne das das kleine Mädchen sich in seiner Tätigkeit hätte stören lassen. Darauf ergriff ich vorsichtig das Sesselchen, auf dem die Kleine saß, und stellte es mitsamt dem Kinde auf einen Tisch. Die Kleine hatte mit rascher Bewegung ihre Zylinder an sich genommen und machte nun, das Material auf den Knien, ihre Übung unbeirrt weiter. Seit ich zu zählen begonnen hatte, hatte die Kleine ihre Übung zweiundvierzigmal wiederholt.

Jetzt hielt sie inne, so als erwachte sie aus einem Traum, und lächelte mit einem Ausdruck eines glücklichen Menschen. Ihre leuchtenden Augen sahen vergnügt in die Runde. offenbar hatte sie all  jene Manöver, die sie hätten ablenken sollen, überhaupt nicht bemerkt. Jetzt aber, ohne äußeren Grund, war ihre Arbeit beendet.“